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Wurzen in Sachsen 1990-2015

Cordia Schlegelmilch


Text zur Fotoausstellung "Ankunft in O-725 Wurzen"

Fotografien 1990-1996

6.Okt.-30. Dezember 2001

Städtische Galerie am Markt Wurzen


 Eine andere Form des Erzählens

 Kein anderes Medium kann das Bewußtsein von Vergänglichkeit so sehr wecken wie die Fotografie. Als ich im August 1990 nach Wurzen kam, um eine Studie über den Wandel einer ostdeutschen Kreisstadt zu schreiben, hatte ich nicht nur Notizblock und Tonbandgerät im Gepäck, sondern auch meinen Fotoapparat. Allein in der Zeit 1990 bis 1992 entstanden mehr als die Hälfte der insgesamt ca. 9000 Negative, die ich bis einschließlich 1996 belichtet habe.

 "Ankunft in 0-7250 Wurzen", der Titel der Ausstellung weist auf die kurze Übergangszeit nach der Wende, in der zwar noch die alten Postleitzahlen galten, sich mit dem O für Ostdeutschland aber schon die neue Zeit ankündigte. In Wurzen verbanden sich damals in eindrucksvoller Weise alte traditionelle Strukturen einer kleinen und kulturgeschichtlich interessanten Industriestadt mit Prägungen durch das DDR-System. Natürlich waren auch in Wurzen viele Gebäude verfallen oder bereits verschwunden, aber es gab doch auch vieles, was - gewollt oder ungewollt - von Abriß oder Rekonstruktion verschont geblieben war, seien es Fabriken der ersten Gründergeneration, alte Straßenzüge wie der Badergraben mit der alten Brauerei oder die zahlreichen noch deutlich sichtbaren Aufschriften an den Fassaden von ehemaligen Geschäften oder Veranstaltungsorten, die den Betrachter noch auf ihre Nutzung von vor 1945 hinwiesen. Auch die zahlreichen Plätze bildeten in Wurzen Anfang der 90er Jahre noch relativ geschlossene Ensembles.

 Die Gleichzeitigkeit verschiedener Epochen konnte dort, wo ich in den Jahren der Studie wohnte, nicht deutlicher ausfallen: Das sog. Langbeinhaus in der Dresdener Straße wurde 1834 gebaut und 1853 von dem Wurzener Stadtverordnetenvorsteher Carl Ludwig Langbein (1811-1873) erworben. Er war Nachfolger des damaligen Wurzener Bürgermeisters Schmidt in der Frankfurter Nationalversammlung von 1848/49. Das Haus atmete jede Menge Geschichte. Noch immer standen 1990 in zwei Zimmern Reste des Mobiliars aus dieser Zeit. An die Rückseite des Hauses schloß sich ein in seiner Struktur noch deutlich erkennbarer und über 100 qm großer Biedermeiergarten an, in dem noch einige Grabsteine der Familie Langbein aufgehoben waren. Über der Gartentür war eine kleine Marmortafel befestigt, auf der in altertümlicher Schrift zu lesen ist: "Des Vaters Segen bauet den Kindern Häuser." Heute ist das Haus verwaist.

Ich wurde Zeugin einer städtischen Veränderung in atemberaubendem Tempo. Ohne kritische Absicht wollte ich das Authentische dieser Zeit festhalten, um auch später einen zweiten Blick auf die vergangenen Zustände zu ermöglichen. Als zeitgeschichtliche Dokumente zeigen die Fotografien, wie sich Altes und Neues, sei es behutsam, sei es dramatisch schnell, mischen. In der Ausstellung dominieren Bilder der ersten Nachwendejahre des provisorischen Übergangs. Die Unterschiede zur Gegenwart sind bei einem Gang durch Wurzen hautnah erfahrbar.

 Mehr als zehn Jahre nach der Öffnung der Grenzen ist der Blick auf die Fotografien ein anderer. Der historische Abstand bedeutet jedoch vielfach nicht wachsende Distanz, sondern ein Wiederentdecken von Vertrautem. Die Fotografien wollen einer verschwundenen Zeit weder nachtrauern noch diese verdammen, sondern an das erinnern, was dazu gehört. Sie sind, wie auch das andere in der Studie zusammengetragene dokumentarische Material, Bestandteil des Gedächtnisses einer Region.
Dr. Cordia Schlegelmilch
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